„Da kann man eh nicht viel machen…“ – Doch, kann man

Ein Artikel von Alexandra.
„Bei meiner Recherche in Bezug auf ein geplantes fotografisches Projekt bin ich auf den Verein Projekt Ankommen e.V. gestossen. Ich wohne mit meiner Familie im Unionviertel, unweit der vor wenigen Monaten eröffneten Flüchtlingunterkunft Adlerstraße. Ich bin stolz auf die große Unterstützung, welche die dort untergebrachten Menschen von den Bewohnern des Viertels erfahren haben. In unserem Viertel gibt es keine fremdenfeindlichen Anklänge, Stimmen, die Menschen wieder „dorthin zurückschicken (wollen), wo sie herkommen“.

Trotz des überwältigenden Engagements der Zivilgesellschaft ist es mit meinem eigenen Engagement bisher nicht so arg weit gekommen. Das liegt nicht daran, dass ich als Kunstschaffende selber kaum über Mittel verfüge, oder ich gar nichts geben möchte. Und auch nicht daran, dass ich nicht die Zeit finde, um ungenutzte Kleidung auszusortieren oder meinen Keller nach noch verwertbaren Möbeln oder ausrangiertem Spielzeug meines Kindes zu durchstöbern. Ich frage mich, ich zweifele, ich bin unsicher. Die Fragen die ich mir stelle: Was darf ich geben? Was genau brauchen diese Menschen, die alles zurücklassen mussten? Und die für mich wichtigste aller Fragen überhaupt: Wie kann ich ihnen helfen, ohne sie zu beschämen?

Der Vergleich mag hinken, doch ich selbst war vor einigen Jahren lebensgefährlich erkrankt. Bewegungslos, schwach, auf die Hilfe anderer angewiesen. Mein Leben hatte sich von dem einen auf den anderen Tag völlig verändert. Mein gesundheitlicher Zustand hat sich zum Glück inzwischen verbessert. Eine schwere Krankheit lässt sich zwar kaum vergleichen mit einer Flucht vor Ausbeutung, Hunger und Tod. Doch zurück bleibt dasselbe Gefühl: Schwäche. Hilflosigkeit. Die Scham, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Zwar zu wissen, was man möchte, es aber nicht umsetzen zu können. Bewegungslosigkeit, Unsicherheit. Über die eigene Zukunft, die Zukunft der Familie: Was? Was nur wird morgen sein?

Ein geflohener Mensch hat nicht nur mit den traumatischen Erlebnissen seiner Flucht zu kämpfen. Oder mit der Tatsache, dass er alle seine Besitztümer zurücklassen musste. Oder seine Familie, seine Freunde, seine Arbeit. Dass er nicht, weiß, was morgen sein wird. Jemand, der vor Krieg und Verfolgung in ein anderes Land flüchten musste, hat vor allem auch darunter zu leiden, dass er schwach ist, Schwäche zeigen musste. Denn wer stark ist, rennt nicht weg – sagt man das nicht so? Doch was ist, wenn man wegrennen muss, weil die einzige Alternative die eigene Vernichtung ist? Ist das dann nicht eigentlich wieder Stärke? Ich meine: Ja.

Jemand, der über tausende Kilometer flüchtet, der unsichere Wege, unsichere Transportmittel in Kauf nimmt, tage- oder wochenlange Fußmärsche, Hunger und Durst, Orientierungsverlust, die Unsicherheit darüber, ob man überhaupt jemals ankommen wird, den drohenden Ertrinkungstod auf einem überfüllten Schlauchboot, die ständig lauernde Gefahr, von den Ordnungsbehörden geschnappt, interniert und wieder zurück geschickt zu werden – jemand, der das durchsteht, muss sehr stark sein. Und jemand, der so stark ist, verdient vor allem Eines: Unseren Respekt. Wir müssen auf diese starken Menschen schauen, die hinter dem Etikett „Flüchtling“ stehen. Hinter jedem „Flüchtling“ kann man einen Menschen entdecken, mit einem eigenen Schicksal, einer eigenen Geschichte. Ich verwende das Wort „Flüchtling“ ungern, denn es hat einen Anklang von Schwäche. Und ich möchte solche starken Menschen ob ihrer vermeintlichen Schwäche nicht beschämen, ihnen nicht zu nahe treten. Denn sie haben genau dasselbe Recht auf Respekt, Selbstbestimmung, auf Unversehrtheit wie ich. Und zwar jeder einzelne der über 50 Millionen Menschen, die zur Zeit auf der Flucht sind – aus welchen Gründen auch immer.

Ich als Kunstschaffende habe die Möglichkeit, mich im Rahmen meiner Arbeit zu engagieren. Doch da ich den Menschen, die fliehen mussten, gerne noch direkter helfen möchte, habe mich wegen meiner Zweifel entschlossen, den „einfachen“ Weg zu gehen. Ich spende. Geld. Ich beschere meinem Sparschwein eine Nahtoderfahrung und gebe alles, was mir möglich ist, dem Projekt Ankommen e.V. Denn die dort tätigen Ehrenamtlichen wissen am besten, was damit zu tun ist. So kann ich wenigstens passiv helfen. Ohne jemanden mit meiner Hilfe zu beschämen. Ohne jemandem zu nahe zu treten. Und ich weiß, dass mein Geld gut eingesetzt ist. Das Projekt Ankommen wandelt mein Geld in ein sehr viel wertvolleres Gut um: in Zeit. Zeit, um Menschen aus anderen Ländern kostenlos unsere Sprache beizubringen. Zeit, um sie durch den deutschen Bürokratiedschungel zu lotsen. Zeit, um mit ihren Kindern zu spielen. Zeit, um bei einem Umzug in eine eigene Wohnung tatkräftig zur Seite zu stehen. Zeit, um mit ihnen zum Sport zu gehen, zu kulturellen Veranstaltungen, zu Freunden. Zeit, die es braucht, um ihnen wieder ein Gefühl der Sicherheit, von Stärke, von Menschlichkeit zu geben. Trotz unsicheren Aufenthaltsstatus, monatelangen Asylverfahrens, fehlender finanzieller Mittel, trotz der Tatsache, dass viele von ihnen in unserer Gesellschaft über viele Jahre nur „geduldet“ sein werden. Trotz der Tatsache, dass sie vielleicht aus völlig anderen Kulturen kommen, die uns zunächst fremd erscheinen. Zeit, um mit ihnen zu feiern, dass sie es bis hierher geschafft haben – und noch am Leben sind.

Und das sollten wir alle: ihr Überleben feiern. Freundlich sein. Hilfsbereit. Hilfe da geben, wo sie benötigt wird. Damit diese Menschen gut ankommen, sich etwas Neues aufbauen können, wieder ein sicheres Leben führen können. Wir in Deutschland sind stark, doch der ein oder andere von uns mag wissen, wie es ist, schwach zu sein. Hilfe annehmen zu müssen. Einen Teil seiner Stärke abgeben zu müssen, weil es nicht anders geht. Und glauben Sie mir: es ist sehr schwer, schwach zu sein.

Seit ich mit dem Verein in Kontakt getreten bin, um mein geplantes künstlerisches Projekt umzusetzen, habe ich Menschen kennen gelernt, die mir in meinem Alltag sonst nicht begegnen würden. Ich habe erlebt, wie diese mit Respekt, mit Menschlichkeit behandelt werden. Nicht nur als Opfer, als „arme schwache Flüchtlinge“. Wie Ihnen geholfen wird, einen Teil der Stärke zurück zu gewinnen, der durch die Flucht verloren gegangen ist. Ohne Fragen, ohne Distanzlosigkeit, ohne das berühmte deutsche Gutmenschentum. Und ohne auch nur irgend etwas dafür zurück zu erwarten. Die Ehrenamtlichen vom Projekt Ankommen e.V. brauchen deshalb Ihre Unterstützung. Um aus „Flüchtlingen“ wieder Menschen zu machen. Menschen, die in Dortmund beheimatet sind und zu uns „Wir Im Revier“ gehören. Und ja: die geflohenen Menschen brauchen auch Ihre Sachspenden, Ihre abgetragenen Winterklamotten, das aussortierte Spielzeug Ihrer Kinder. Aber vor allem benötigen sie Geld. Um die Freiheit zu haben, selber zu entscheiden, wofür sie es ausgeben. Denn auch das macht uns zu Menschen: die Freiheit, zu entscheiden. Wenn also auch Sie zweifeln, wie sie helfen können, machen Sie es sich bitte so „einfach“ wie ich: Spenden Sie Geld. Werden Sie passives Mitglied des Vereins Projekt Ankommen e.V. Und wenn es Ihnen mit der Passivität zu viel wird oder Sie eines Tages Ihre eventuell vorhandene deutsche Misanthropie kurzzeitig überwinden: fragen Sie beim Projekt nach, wie Sie ansonsten noch helfen können. Denn dort weiß man, wo genau Ihre Hilfe gebraucht wird.“
Text: Alexandra Breitenstein

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