Kategorie: Aktuelles

  • Review Westparkfest

     

    Das erste Willkommens- und Begegnungsfest für Geflüchtete und Freunde im Dortmunder Westpark

    Im Juni überraschte unsere Vorsitzende Nahid uns mit einer absurden Idee: Wir könnten doch Ende August als Verein im Westpark ein Willkommensfest für geflüchtete Menschen veranstalten. Die meisten von uns hatten Bedenken:

    Westparkfest, Foto: Theresa Albers

    Wie sollen wir das schaffen?

    Wir hatten gerade erst unsere Gemeinnützigkeit als Verein erlangt, waren mitgliedermäßig noch nicht gut aufgestellt, viel zu viele organisatorische Dinge, wie der Abschluss einer Haftpflicht- und Unfallversicherung sowie die Struktur des Vereins waren noch längst nicht abgeschlossen und erledigt.

    Nahid überzeugte wenige, überredete die meisten. Besonders zog ihr Argument, dass sie bereits viele solcher Veranstaltungen organisiert hatte und dass die „Naturfreunde Kreuzviertel e.V.“ einen großen Anteil der Vorarbeiten übernehmen würden, wir also nicht allein zuständig seien.

    Mitgehangen, mitgefangen

    kann man da nur sagen. Jeder arbeitete in der Organisation so gut wie möglich mit: Ein Antrag für finanzielle Unterstützung wurde in der Bezirksvertretung gestellt und genehmigt; das Fest bei der Verwaltung, Polizei und Feuerwehr angemeldet; die Bühne, Anlage, Tontechniker, DJs, Musiker und Essensanbieter angefragt, Presseerklärungen und Einladungen geschrieben; die Flüchtlinge kontaktiert und eingeladen; Sachspenden abgeholt; auf den letzten Drücker noch ein Dixie-Klo, sowie Pavillons, Biertischgarnituren und eine Hüpfburg organisiert, der Plattenspieler beim „Rekorder“ abgeholt. Mitglieder wurden eingebunden, es gab einige kleinere Abstimmungstreffen und manchmal auch Unstimmigkeiten, Zeitdruck, Stress.

    Und dann das Fest, das alle Erwartungen übertraf:

    Bereits am Morgen war klar, unsere Sorge, beim Aufbau nicht genügend Helfer zu haben, war unbegründet. Im Nu waren die Bühne, Biertische und der Infostand aufgebaut. Dabei halfen auch viele Geflüchtete mit. Das Wetter spielte ebenfalls mit.

    Eher entspannt als gestresst war die Stimmung. Alle waren gut gelaunt. Gegen Mittag bauten die ersten Essensanbieter ihre Stände auf: Der „Kiosk Adlerstraße 59“ warf den Grill an, Getränke wurden kaltgestellt, das „Sweet Chili“ brachte Warmhaltegefäße voller tamilischer Köstlichkeiten, die nigerianische Studentengruppe und Dilara mit ihren KommilitonInnen drapierten ihre selbstgemachten Speisen. Selbstgebackene Kuchen wurden zum Stand der „Naturfreunde Kreuzviertel“ geschleppt, die Kaffeemaschine und der Samowar angeworfen.

    Westparkfest, Foto: privat
    Westparkfest, Foto: Theresa Albers

     

    Die Kisten für das Kistenklettern wurden zusammengebunden, die Slackline gespannt, die Hüpfburg aufgeblasen und der Plattenspieler warm gespielt. Kurz vor der Veranstaltung hatte sich auch noch „Velokitchen“ mit einer „Schrauberwerkstatt“ angemeldet, da fuhren auf einmal – sehr konsequent – Fahrräder mit Anhängern heran, auf denen sich die Spendenräder, die an diesem Tag fit gemacht werden sollten, nur so stapelten. Die „Urbanisten“ brachten kleine Leinwände und Farben für eine Malaktion und auch ein Stand für das Kinderschminken wurde aufgebaut.

    Westparkfest, Foto: Theresa Albers

    Und schon war das Fest im vollen Gange

    Immer mehr Menschen saßen an den Biertischen, breiteten ihre Decken im Schatten aus und machten es sich gemütlich. Familie Eroglu kam kaum nach, die Getränke zu kühlen, so gut war der Absatz für Wasser, Softdrinks und Bier.

    Nach einer Begrüßung durch die Moderatorinnen Alena und Angela hielt Bezirksbürgermeister Friedrich Fuß eine flammende Rede gegen Terrorismus und Krieg und FÜR eine Willkommenskultur, die Menschen hier gut ankommen lässt. Die Musikgruppe „Name“ machte den musikalischen Auftakt, anschließend abgelöst durch DJ Capulcek. Während die Leute bei der Band noch lauschten, fingen die ersten nun an zu tanzen – gemeinsam in der Reihe, sich an den Händen fassend. Man kannte sich nicht, aber griff einfach nach der nächstbesten Hand, um sich einzureihen. Lachende Gesichter, fröhliche Mienen, fliegende Füße.

     

    Westparkfest, Foto: Theresa Albers

     

    Es folgte kurdische Musik durch Geflüchtete selbst, die besonders die syrischen und kurdischen Flüchtlinge vor die Bühne brachte. Für westliche Ohren eher ungewohnt, war diese Musik für die Menschen wie ein kurzer Trip zurück nach Hause.

    So ging es weiter. Als abends die Jazzgruppe „Do-Town-Wonder-Bros“ auftrat, wurde zwar nicht mehr getanzt, aber die Musik war der perfekte Hintergrund-Sound für das inzwischen riesige Picknick auf der Wiese. Für den musikalischen Ausklang sorgte DJ Nessano.

    Die Kinder waren glücklich. Vom Verein versorgten wir sie mit Seifenblasen, ansonsten konnten sie ihr Geschick beim Slacklining und Kistenklettern ausprobieren (immer wieder brandete Applaus auf, wenn ein Kind es schaffte, alle 21 Kisten zu stapeln und ganz hoch zu klettern), die Kleineren vergnügten sich auf der Hüpfburg oder ließen sich die Gesichter schminken. Außerdem gab es einen  tollen Leinwandworkshop von den „Urbanisten“ und dem „Jugendkulturcafe Dortmund“ (JKC).

    „Velokitchen“ konnte zwei Fahrräder an Eritreaner vermitteln und an unserem Infostand vom „Projekt Ankommen e.V.“ warteten viele Menschen geduldig, bis einer von uns wieder frei war, um ihre Fragen zu beantworten. Wir hatten viele tolle Gespräche mit Interessierten. Insgesamt rund hundert Leute meldeten sich als Helfer auf unseren Kontaktlisten an, zwanzig entschieden sofort, dass sie uns als Mitglied unterstützen wollen.

    Westparkfest, Foto: Theresa Albers

     

    Immer wieder bekamen wir die Rückmeldung, wie toll das Fest sei und wie gut die Stimmung – sowas dürften wir gerne öfter organisieren! Das Wetter konnte nicht besser sein, eher lieber ETWAS kühler, aber trotz der Hitze kamen geschätzt im Verlaufe des Tages weit über tausend Menschen.

    Ein paar Mal wurden wir gefragt, wo denn nun die Flüchtlinge seien, für die das Fest doch organisiert wurde

    Wir wissen nicht, was die Menschen erwarten, wie Flüchtlinge aussehen würden. Wir wissen aber, dass viele von ihnen, sogar aus anderen Städten, da waren und viel Spaß hatten. Und eigentlich war das ja auch genau unser Ziel: Dass diese Menschen sich unter uns mischen.

    Am Ende erreichte die Euphorie alle Besucher. Und wir danken Nahid ein bisschen für ihre verrückte Idee. Wie heißt es so schön, „alle sagten, das klappt nicht, bis einer kam und es einfach machte.“

    Wir danken außerdem von Herzen:

    • Den „Naturfreunden“, ohne die wir das wirklich nicht gepackt hätten, für ihre Hilfe im Vorfeld und während des Festes – und ganz besonders auch für die großzügige Spende: Der gesamte Erlös des Kuchen- und Kaffeeverkaufes kommt nun dem Verein zugute.
    • Allen Helfern im Aufbau und Abbau, hier insbesondere auch den jungen Männern, die ganz spontan mit Müllsäcken die kleinen Gruppen auf Picknickdecken abklapperten und den Müll einsammelten, so dass wir auch im Nachhinein einen guten Eindruck hinterließen.
    • Felicitas Danberg für das Poster- und Flyerdesign
    • Der Bezirksvertretung Innenstadt-West sowie dem Verein proJazz für die finanzielle Unterstützung.
    • Dem Essensanbietern Dilara und anderen Studierenden, die geflüchteten Menschen immer wieder Essen umsonst ausgaben und die am Ende noch ihre Einnahmen spendeten.
    • Lush und BVB für zahlreiche Sachspenden.
    • Velokitchen, den Urbanisten, dem JKC, der Kinderschmink-Queen Christiane und dem Zauberer Pilloso für ihre Aktionen.
    • Fee-Jasmin Rompza und Theresa Albers für die wunderschönen Fotos
    • Last not least: Allen Interessierten, die sich die Zeit nahmen, am Stand mit uns Gespräche zu führen.

    Seit dem Westparkfest haben sich die Ereignisse überschlagen: Nach einer kurzen Woche, in der wir uns alle erstmal sammeln mussten, kam das Wochenende des #trainofhopedo, und die Hilfs- und Spendenangebote wurden mehr als je zuvor. Wir freuen uns sehr über diese Wilkommenskultur und hoffen, dass die Hilfsangebote von Nachhaltigkeit und einer gewissen Verbindlichkeit geprägt sind. Denn selbst, wenn die Zahlen der Flüchtlinge sinken sollten (was momentan ja überhaupt noch nicht der Fall ist), die Arbeit ist noch lange nicht getan. „Ankommen“ ist ein Prozess, der Zeit braucht. Daher freuen wir uns über jedes Hilfsangebot!

    Wir arbeiten in den kommenden Wochen auf Hochtouren daran, alle Mitglieder und Interessierte einzubinden – und bitten um Geduld, wenn Ihr nicht sofort von uns hört oder lest.

    Danke an all euch wunderbare Menschen!

    Euer „Projekt Ankommen e.V.“

    (Text: Astrid Cramer, Fotos: Theresa Albers

    Westparkfest, Foto: Theresa Albers
    Westparkfest, Foto: Theresa Albers
    Westparkfest, Foto: Theresa Albers
    Westparkfest, Foto: Theresa Albers
    Westparkfest, Foto: Theresa Albers
    Westparkfest, Foto: Theresa Albers
    Westparkfest, Foto: Theresa Albers
    Westparkfest, Foto: Theresa Albers
    Foto: Theresa Albers
    Foto: Theresa Albers
    Westparkfest, Foto: Theresa Albers
    Westparkfest, Foto: Theresa Albers
    Westparkfest, Foto: Theresa Albers
    Westparkfest, Foto: Theresa Albers
    Westparkfest, Foto: Theresa Albers
    Westparkfest, Foto: Theresa Albers
    Westparkfest, Foto: Theresa Albers
  • Der Macho ist „out“

    Ein Resümee des Deutschkurs-Kooordinators Jost.
    Der Macho ist „out“ – Diese Aussage ergibt sich aus einer Umfrage der Universitäten Dortmund und
    Bielefeld und war fester Bestandteil unseres Orientierungskurses der vergangenen Woche:

    Neben neuen Genderrollen und Familienformen lernten unsere fleißigen Schülerinnen und Schüler
    viel über die Geschichte unserer Nation sowie den Weg zur Demokratie.

    Zusammen mit unseren Übersetzern schafften wir es, den Absolventen unseres 3monatigen
    Sprachkurses, ein Bild des aktuellen Deutschlands zu vermitteln. Und auch wenn die Münder
    bei einigen Themen lange offen standen, haben uns die vielen interessanten Fragen doch gezeigt,
    dass bei allen Teilnehmern ein großes Interesse und darüber hinaus eine noch größere Begeisterung
    für unsere bunte Nation besteht.

    Ich bedanke mich bei allen Unterstützern! Jost

  • Habt keine Angst, zu helfen!

    Ahmed berichtet:
    „Ihr braucht keine Angst vor dem ersten Schritt haben. Viele fragen mich, wie ich dazu kam, geflüchteten Menschen zu helfen. Vor etwa elf Monaten hat mich eine Bekannte in die Facebookgruppe „Flüchtlingshilfe Adlerstraße“ eingeladen. Erst einige Wochen später habe ich mir diese Gruppe näher angesehen. Mir ist sofort aufgefallen, dass Unterstützung nötig ist. Ich habe meine Hilfe angeboten und wurde schon für den nächsten Tag eingeladen.

    Ein bisschen aufgeregt war ich schon.

    Ich wusste zwar, mit vielen Menschen dort habe ich eine gemeinsame Sprache, doch ich wusste auch, dass ich viele nicht verstehen würde. Nach einer kurzen Vorstellung ging es zur Sache: Klamotten für die Kleiderkammer aussortieren. Einige Helfer waren schon sehr fleißig, aber es waren noch lange nicht genug. Als ich abends nach Hause ging war mir klar: Morgen will ich wieder hin und helfen. Ich habe noch ein paar Freunde angesprochen, die ebenfalls sofort mitmachten. Der erste Kontakt mit den Bewohnern der Einrichtung kam ein bisschen später.

    Ich habe zuerst versucht, mit den Leuten zu sprechen, die dieselbe Muttersprache haben. Mit den anderen kann ich ja nicht reden – dachte ich. Falsch gedacht! Ich habe schnell bemerkt:

    Hände, Füße und ein Lächeln reichen.

    Je öfter ich dort war, desto besser fühlte ich mich. Manche begrüßten mich mit Umarmungen und gaben mir das Gefühl, ein Teil von ihnen zu sein. Sie boten mir Tee, Essen und Zigaretten an. Ich habe immer dankend abgelehnt, weil ich dachte, dass sie doch ohnehin schon wenig haben. Diesen Gedanken verwarf ich schnell, denn es ist wichtig, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen.

    Ich höre immer wieder, dass viele helfen möchten, sich jedoch wegen der Sprachbarriere nicht trauen. Die Sprache ist nicht die einzige Voraussetzung! Habt keine Angst, den ersten Schritt in eine Einrichtung zu wagen. Habt lieber Angst, diesen Schritt nicht zu tun, denn Ihr verpasst etwas richtig Gutes. Alle, die sich getraut haben, stellen sehr schnell fest, wie schön es ist, diesen tollen Menschen zu begegnen.

    Viele sprechen immer wieder ihren Respekt aus und sagen, wie toll sie es finden, dass ich unsere neuen Mitmenschen unterstütze. Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich denke mir jedes Mal: Das ist doch nichts Besonderes. Das kann jeder machen. Wenn ich jetzt beispielsweise nach Berlin umziehen würde, würden mir dort doch auch Freunde zeigen, wo ich die verschiedene Ämter finde, mir tolle Restaurants/Bars zeigen und ihre Freunde vorstellen.

    Ich höre immer wieder, wie Menschen über Menschen, die aus Not zu uns gekommen sind, sprechen. Ich kann dazu nur eins sagen: Sprecht nicht über sie, sprecht mit ihnen.“

    Text: Ahmed

  • Habt keine Angst, zu helfen!

    Ahmed berichtet:
    „Ihr braucht keine Angst vor dem ersten Schritt haben. Viele fragen mich, wie ich dazu kam, geflüchteten Menschen zu helfen. Vor etwa elf Monaten hat mich eine Bekannte in die Facebookgruppe „Flüchtlingshilfe Adlerstraße“ eingeladen. Erst einige Wochen später habe ich mir diese Gruppe näher angesehen. Mir ist sofort aufgefallen, dass Unterstützung nötig ist. Ich habe meine Hilfe angeboten und wurde schon für den nächsten Tag eingeladen.

    Ein bisschen aufgeregt war ich schon.

    Ich wusste zwar, mit vielen Menschen dort habe ich eine gemeinsame Sprache, doch ich wusste auch, dass ich viele nicht verstehen würde. Nach einer kurzen Vorstellung ging es zur Sache: Klamotten für die Kleiderkammer aussortieren. Einige Helfer waren schon sehr fleißig, aber es waren noch lange nicht genug. Als ich abends nach Hause ging war mir klar: Morgen will ich wieder hin und helfen. Ich habe noch ein paar Freunde angesprochen, die ebenfalls sofort mitmachten. Der erste Kontakt mit den Bewohnern der Einrichtung kam ein bisschen später.

    Ich habe zuerst versucht, mit den Leuten zu sprechen, die dieselbe Muttersprache haben. Mit den anderen kann ich ja nicht reden – dachte ich. Falsch gedacht! Ich habe schnell bemerkt:

    Hände, Füße und ein Lächeln reichen.

    Je öfter ich dort war, desto besser fühlte ich mich. Manche begrüßten mich mit Umarmungen und gaben mir das Gefühl, ein Teil von ihnen zu sein. Sie boten mir Tee, Essen und Zigaretten an. Ich habe immer dankend abgelehnt, weil ich dachte, dass sie doch ohnehin schon wenig haben. Diesen Gedanken verwarf ich schnell, denn es ist wichtig, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen.

    Ich höre immer wieder, dass viele helfen möchten, sich jedoch wegen der Sprachbarriere nicht trauen. Die Sprache ist nicht die einzige Voraussetzung! Habt keine Angst, den ersten Schritt in eine Einrichtung zu wagen. Habt lieber Angst, diesen Schritt nicht zu tun, denn Ihr verpasst etwas richtig Gutes. Alle, die sich getraut haben, stellen sehr schnell fest, wie schön es ist, diesen tollen Menschen zu begegnen.

    Viele sprechen immer wieder ihren Respekt aus und sagen, wie toll sie es finden, dass ich unsere neuen Mitmenschen unterstütze. Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich denke mir jedes Mal: Das ist doch nichts Besonderes. Das kann jeder machen. Wenn ich jetzt beispielsweise nach Berlin umziehen würde, würden mir dort doch auch Freunde zeigen, wo ich die verschiedene Ämter finde, mir tolle Restaurants/Bars zeigen und ihre Freunde vorstellen.

    Ich höre immer wieder, wie Menschen über Menschen, die aus Not zu uns gekommen sind, sprechen. Ich kann dazu nur eins sagen: Sprecht nicht über sie, sprecht mit ihnen.“

    Text: Ahmed

  • „Da kann man eh nicht viel machen…“ – Doch, kann man

    Ein Artikel von Alexandra.
    „Bei meiner Recherche in Bezug auf ein geplantes fotografisches Projekt bin ich auf den Verein Projekt Ankommen e.V. gestossen. Ich wohne mit meiner Familie im Unionviertel, unweit der vor wenigen Monaten eröffneten Flüchtlingunterkunft Adlerstraße. Ich bin stolz auf die große Unterstützung, welche die dort untergebrachten Menschen von den Bewohnern des Viertels erfahren haben. In unserem Viertel gibt es keine fremdenfeindlichen Anklänge, Stimmen, die Menschen wieder „dorthin zurückschicken (wollen), wo sie herkommen“.

    Trotz des überwältigenden Engagements der Zivilgesellschaft ist es mit meinem eigenen Engagement bisher nicht so arg weit gekommen. Das liegt nicht daran, dass ich als Kunstschaffende selber kaum über Mittel verfüge, oder ich gar nichts geben möchte. Und auch nicht daran, dass ich nicht die Zeit finde, um ungenutzte Kleidung auszusortieren oder meinen Keller nach noch verwertbaren Möbeln oder ausrangiertem Spielzeug meines Kindes zu durchstöbern. Ich frage mich, ich zweifele, ich bin unsicher. Die Fragen die ich mir stelle: Was darf ich geben? Was genau brauchen diese Menschen, die alles zurücklassen mussten? Und die für mich wichtigste aller Fragen überhaupt: Wie kann ich ihnen helfen, ohne sie zu beschämen?

    Der Vergleich mag hinken, doch ich selbst war vor einigen Jahren lebensgefährlich erkrankt. Bewegungslos, schwach, auf die Hilfe anderer angewiesen. Mein Leben hatte sich von dem einen auf den anderen Tag völlig verändert. Mein gesundheitlicher Zustand hat sich zum Glück inzwischen verbessert. Eine schwere Krankheit lässt sich zwar kaum vergleichen mit einer Flucht vor Ausbeutung, Hunger und Tod. Doch zurück bleibt dasselbe Gefühl: Schwäche. Hilflosigkeit. Die Scham, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Zwar zu wissen, was man möchte, es aber nicht umsetzen zu können. Bewegungslosigkeit, Unsicherheit. Über die eigene Zukunft, die Zukunft der Familie: Was? Was nur wird morgen sein?

    Ein geflohener Mensch hat nicht nur mit den traumatischen Erlebnissen seiner Flucht zu kämpfen. Oder mit der Tatsache, dass er alle seine Besitztümer zurücklassen musste. Oder seine Familie, seine Freunde, seine Arbeit. Dass er nicht, weiß, was morgen sein wird. Jemand, der vor Krieg und Verfolgung in ein anderes Land flüchten musste, hat vor allem auch darunter zu leiden, dass er schwach ist, Schwäche zeigen musste. Denn wer stark ist, rennt nicht weg – sagt man das nicht so? Doch was ist, wenn man wegrennen muss, weil die einzige Alternative die eigene Vernichtung ist? Ist das dann nicht eigentlich wieder Stärke? Ich meine: Ja.

    Jemand, der über tausende Kilometer flüchtet, der unsichere Wege, unsichere Transportmittel in Kauf nimmt, tage- oder wochenlange Fußmärsche, Hunger und Durst, Orientierungsverlust, die Unsicherheit darüber, ob man überhaupt jemals ankommen wird, den drohenden Ertrinkungstod auf einem überfüllten Schlauchboot, die ständig lauernde Gefahr, von den Ordnungsbehörden geschnappt, interniert und wieder zurück geschickt zu werden – jemand, der das durchsteht, muss sehr stark sein. Und jemand, der so stark ist, verdient vor allem Eines: Unseren Respekt. Wir müssen auf diese starken Menschen schauen, die hinter dem Etikett „Flüchtling“ stehen. Hinter jedem „Flüchtling“ kann man einen Menschen entdecken, mit einem eigenen Schicksal, einer eigenen Geschichte. Ich verwende das Wort „Flüchtling“ ungern, denn es hat einen Anklang von Schwäche. Und ich möchte solche starken Menschen ob ihrer vermeintlichen Schwäche nicht beschämen, ihnen nicht zu nahe treten. Denn sie haben genau dasselbe Recht auf Respekt, Selbstbestimmung, auf Unversehrtheit wie ich. Und zwar jeder einzelne der über 50 Millionen Menschen, die zur Zeit auf der Flucht sind – aus welchen Gründen auch immer.

    Ich als Kunstschaffende habe die Möglichkeit, mich im Rahmen meiner Arbeit zu engagieren. Doch da ich den Menschen, die fliehen mussten, gerne noch direkter helfen möchte, habe mich wegen meiner Zweifel entschlossen, den „einfachen“ Weg zu gehen. Ich spende. Geld. Ich beschere meinem Sparschwein eine Nahtoderfahrung und gebe alles, was mir möglich ist, dem Projekt Ankommen e.V. Denn die dort tätigen Ehrenamtlichen wissen am besten, was damit zu tun ist. So kann ich wenigstens passiv helfen. Ohne jemanden mit meiner Hilfe zu beschämen. Ohne jemandem zu nahe zu treten. Und ich weiß, dass mein Geld gut eingesetzt ist. Das Projekt Ankommen wandelt mein Geld in ein sehr viel wertvolleres Gut um: in Zeit. Zeit, um Menschen aus anderen Ländern kostenlos unsere Sprache beizubringen. Zeit, um sie durch den deutschen Bürokratiedschungel zu lotsen. Zeit, um mit ihren Kindern zu spielen. Zeit, um bei einem Umzug in eine eigene Wohnung tatkräftig zur Seite zu stehen. Zeit, um mit ihnen zum Sport zu gehen, zu kulturellen Veranstaltungen, zu Freunden. Zeit, die es braucht, um ihnen wieder ein Gefühl der Sicherheit, von Stärke, von Menschlichkeit zu geben. Trotz unsicheren Aufenthaltsstatus, monatelangen Asylverfahrens, fehlender finanzieller Mittel, trotz der Tatsache, dass viele von ihnen in unserer Gesellschaft über viele Jahre nur „geduldet“ sein werden. Trotz der Tatsache, dass sie vielleicht aus völlig anderen Kulturen kommen, die uns zunächst fremd erscheinen. Zeit, um mit ihnen zu feiern, dass sie es bis hierher geschafft haben – und noch am Leben sind.

    Und das sollten wir alle: ihr Überleben feiern. Freundlich sein. Hilfsbereit. Hilfe da geben, wo sie benötigt wird. Damit diese Menschen gut ankommen, sich etwas Neues aufbauen können, wieder ein sicheres Leben führen können. Wir in Deutschland sind stark, doch der ein oder andere von uns mag wissen, wie es ist, schwach zu sein. Hilfe annehmen zu müssen. Einen Teil seiner Stärke abgeben zu müssen, weil es nicht anders geht. Und glauben Sie mir: es ist sehr schwer, schwach zu sein.

    Seit ich mit dem Verein in Kontakt getreten bin, um mein geplantes künstlerisches Projekt umzusetzen, habe ich Menschen kennen gelernt, die mir in meinem Alltag sonst nicht begegnen würden. Ich habe erlebt, wie diese mit Respekt, mit Menschlichkeit behandelt werden. Nicht nur als Opfer, als „arme schwache Flüchtlinge“. Wie Ihnen geholfen wird, einen Teil der Stärke zurück zu gewinnen, der durch die Flucht verloren gegangen ist. Ohne Fragen, ohne Distanzlosigkeit, ohne das berühmte deutsche Gutmenschentum. Und ohne auch nur irgend etwas dafür zurück zu erwarten. Die Ehrenamtlichen vom Projekt Ankommen e.V. brauchen deshalb Ihre Unterstützung. Um aus „Flüchtlingen“ wieder Menschen zu machen. Menschen, die in Dortmund beheimatet sind und zu uns „Wir Im Revier“ gehören. Und ja: die geflohenen Menschen brauchen auch Ihre Sachspenden, Ihre abgetragenen Winterklamotten, das aussortierte Spielzeug Ihrer Kinder. Aber vor allem benötigen sie Geld. Um die Freiheit zu haben, selber zu entscheiden, wofür sie es ausgeben. Denn auch das macht uns zu Menschen: die Freiheit, zu entscheiden. Wenn also auch Sie zweifeln, wie sie helfen können, machen Sie es sich bitte so „einfach“ wie ich: Spenden Sie Geld. Werden Sie passives Mitglied des Vereins Projekt Ankommen e.V. Und wenn es Ihnen mit der Passivität zu viel wird oder Sie eines Tages Ihre eventuell vorhandene deutsche Misanthropie kurzzeitig überwinden: fragen Sie beim Projekt nach, wie Sie ansonsten noch helfen können. Denn dort weiß man, wo genau Ihre Hilfe gebraucht wird.“
    Text: Alexandra Breitenstein

    http://alexandrabreitenstein.de/?portfolio=home-stories

  • Spielt es eigentlich eine Rolle…

    Alena berichtet:

    „…wo die Menschen herkommen? Immer wieder, wenn ich mich mit anderen Vereinsmitgliedern oder Freunden austausche, begegnet mir die Frage: „Woher kommt denn Familie XY?“. Und immer wieder muss ich sagen: „Ich habe keine Ahnung… sie haben dunkle Haut. Ich würde tippen, aus einem afrikanischen Land.“
    Natürlich weiß ich, dass es in diesen Unterhaltungen um den informellen Austausch geht, besonders im Bezug z.B. auf Asylverfahren. Aber ich komme mir dann trotzdem immer ein bisschen dumm vor. Warum frage ich nicht? Mangelndes Interesse? Das würde ich wohl erst mal verneinen. Aber ich frage nicht, weil es für mich in Bezug auf einen Umzug oder eine gemeinsame Freizeitaktivität keine Rolle spielt. Ich habe z.B. M. mit ihren beiden  zuckersüßen Kindern richtig gern. Sie kommen aus Afrika, ja, da bin ich mir sicher. Sie sprechen auch portugiesisch, aha. Ich unterhalte mich mit ihnen auf Englisch, Punkt. Wir verbringen immer eine tolle Zeit zusammen, PUNKT.

    Mich macht die Unterscheidung der Medien von Geflüchteten erster und zweiter Klasse wahnsinnig. Denn jeder Mensch, der als Geflüchteter zu uns nach Dortmund kommt, hat seinen Grund. Häufig weiß ich ihn nicht. Es geht mich auch manchmal einfach nichts an. Wenn man sich näher kennenlernt, erzählen die Leute irgendwann von sich aus. Aber für mich muss es nicht sein, schlimme und traumatisierende Geschichten immer und immer wieder erzählen zu müssen. Ja, die Menschen haben ihre Gründe. Und wenn der Grund der ist, seinen Kindern vor dem Verhungern retten zu wollen, ihnen eine sichere Zukunft und Perspektiven zu ermöglichen. Vor Krieg, Folter, Vergewaltigung zu fliehen. Dann ist das verständlich. Ich bin keine Mutter. Aber verstehen tue ich es trotzdem.

    Leider ließ sich für M. mit ihren Kindern aktuell noch keinen Paten finden. Wer also Lust hat die Betreuung mit mir gemeinsam zu übernehmen, kann gerne eine PN an unsere Facebook-Seite schreiben.“

    Text: Alena Mörtl